Altenburg: Der Kamin im Kirchturm

Die Herren von Jabilinze: Der Tyrann von Anelenburgh

Wer von der „Anelenburgh“ aus gegenüber der Nienburger Neustadt im Jahr 1130 „Tyrannei“ ausgeübt hat, ist unklar. Die Formulierung erinnert an jene Beschuldigung, die acht Jahre später auch gegenüber der Mutter Albrechts des Bären, der Billungertochter Eilika, Verwendung fand. Auch Eilika wurde die Ausübung von Tyrannei vorgeworfen und ihr Herrschaftssitz, die Bernburg, bekanntlich im Jahr 1138 zerstört1)Annalista Saxo zu 1138: „Eodem tempore castrum quod Bemeburch dicitur igne crematum est propter tyrannidem, quam exercebat inde Eilica cometissa cum suis“. Pertz, Georg Heinrich: [Annales aevi Sue- vici]. Hannoverae: Hahn 1859 (Monumenta Germaniae Historica Scriptores 16), S. 186..

Die historische Forschung vermutet in dem „Tyrannen“ von 1130 Siegfried I. von Jabilinze (oder Jabelincze), den Sohn Godescalus (Gottschalks)2)(Winter 1867, S. 115) Anmerkung 5. Godescalus wird bereits in der Zeugenreihe der erwähnten Urkunde des Jahres 1106 genannt. Gerd Heinrich sieht in den Herren von Jabilinze kein kleines, von den Askaniern abhängiges Geschlecht, sondern Nachfahren des bedeutenden Plötzkauer Grafenhauses3)(Heinrich 1961, S. 475).

Die Süpplingenburg, Stammburg Lothars III. Nach seiner Königserhebung gründete Lothar II I. um 1130 auf der Burg ein Kollegiatstift, dessen Stiftskirche St. Johannis heute der letzte sichtbare Rest der Burganlage ist.

Die Süpplingenburg, Stammburg Lothars III. Nach seiner Königserhebung gründete Lothar um 1130 auf seiner Burg ein Kollegiatstift, dessen Kirche St. Johannis heute der letzte sichtbare Rest der Burganlage ist.

Der mutmaßlich durch Siegfried von Jabilinze ausgeführte Angriff auf die Nienburger Neustadt im Jahr 1130 geschah genau in jenem Jahr, als dort der von König Lothar III. eingesetzte Abt Adalbero seinen Dienst antrat4)(Ott 1997, S. 33). Dieser folgte dem nur vier Jahren tätigen Abt Erenfried nach, der ausdrücklich gegen Lothars Willen vom Nienburger Konvent gewählt wurde. Auch Erzbischof Norbert förderte den neuen Abt Adalbero5)(Claude 1975, S. 32), so dass sich der Angriff auf Nienburg auch direkt gegen ihn richtete. Das zeitliche Zusammenfallen zwischen dem Amtsantritt eines vom König eingesetzten Nienburger Abtes und dem Angriff auf die sich entwickelnde Stadt dürfte deshalb keinen Zufall darstellen. Das Verhältnis zwischen König Lothar und Albrecht dem Bären war zu diesem Zeitpunkt auf einem Tiefpunkt angelangt. Die militärische Aktion passt zu einer Reihe von Übergriffen des Askaniers auf königsnahe Einrichtungen. So griff er 1129 die Hildagsburg und den Turm von Gundersleben an, der von Vasallen des Königs verteidigt wurde6)(Partenheimer 2001, S. 44). Am 15. März 1130 wurde Graf Udo von Freckleben bei Aschersleben von Anhängern Albrechts des Bären getötet. Im gleichen Jahr geriet Albrechts Mutter, die Billungerin Eilika, bei Kämpfen mit den Bürgern der Stadt Halle in Lebensgefahr und konnte nur mit Mühe vor ihren Gegnern fliehen. Lutz Partenheimer sah auch diesen Vorfall im Zusammenhang mit gegen Erzbischof Norbert gerichtete Maßnahmen der Askanier7)(Partenheimer 2001, S. 44). Schon im Jahr zuvor kam es in Magdeburg zu gegen Norbert gerichtete Unruhen. Auch an diesen Ereignissen könnte Albrecht der Bär indirekt beteiligt gewesen sein8)(Partenheimer 2001, S. 43).

Siegel Albrechts des Bären. Quelle Wikipedia, Codex Diplomaticvs Anhaltinivs, Theil 1: 936-1212: mit zehn Siegeltafeln, hrsg. von Otto Heinemann; Dessau: Barth 1867-1873

Siegel Albrechts des Bären. Quelle Wikipedia, Codex Diplomaticvs Anhaltinivs, Theil 1: 936-1212: mit zehn Siegeltafeln, hrsg. von Otto Heinemann; Dessau: Barth 1867-1873

Wenn es wirklich Siegfried von Jabilinze war, der 1130 aufseiten Albrechts des Bären gegen Nienburg vorging, muss es zwischen diesem Ereignis und dem Tod Lothars im Jahr 1137 zum Bruch zwischen ihm und dem Askanier gekommen sein, denn Siegfried erhielt nach Ansicht Gerd Heinrichs in diesem Zeitraum die Dornburg zusammen mit der neu geschaffenen Grafschaft Mühlingen von Lothar zum Lehen9)(Heinrich 1961, S. 478). Der König hatte die Grafschaft Mühlingen zur Stärkung seines Einflusses gegenüber den Askaniern im Grenzbereich zum Neusiedelgebiet vermutlich in jener Zeit geschaffen, als Albrecht der Bär mit Graf Udo von Freckleben um die Anwartschaft der Nordmark in Fede lag und zunächst keiner von beiden vom König berücksichtigt wurde10)(Heinrich 1961, S. 299–300) .

Das Schloss in Großmühlingen. Nach dem Aussterben der Herren von Jabilinze ging die Herrschaft über Groß- und Kleinmühlingen auf die Grafen von Arnstein über. Sie gelten als Erbauer der noch heute sichtbaren Wasserburg. Quelle: Wikipedia, Autor: Olaf Meister, CC BY-SA 4.0

Das Schloss in Großmühlingen. Nach dem Aussterben der Herren von Jabilinze ging die Herrschaft über Groß- und Kleinmühlingen auf die Grafen von Arnstein über. Sie gelten als Erbauer der noch heute sichtbaren Wasserburg. Quelle: Wikipedia, Autor: Olaf Meister, CC BY-SA 4.0

Mit dem Angebot der Verleihung der neuen Grafschaft könnte es Lothar gelungen sein, Siegfried auf seine Seite zu ziehen und damit seine Machtposition im direkten Umfeld Albrechts des Bären erheblich zu stärken. Es ist durchaus möglich, dass diese Regelung Teil der Vereinbarungen waren, die letztendlich dazu führten, dass Albrecht der Bär im Jahr 1134 die Nordmark erhielt, auch wenn er sich zuvor noch militärisch gegen Lothar gewandt hatte. Zur ausgleichenden Politik des 1133 zum Kaiser gekrönten Lothar von Süpplingenburg gegenüber dem Askanier passt die Tatsache, dass er im gleichen Jahr den Hevellerfürsten Pribislaw-Heinrich zum König erhob und damit das Brandenburger Gebiet aus der Nordmark ausgliederte11)(Partenheimer 2001, S. 50). Albrechts Macht wurde also gleichzeitig erhöht und beschränkt.

Umfang der Grafschaft Mühlingen nach Friedrich Heine. Geschichte der Grafschaft Mühlingen. Paul Schettlers Erben GmbH, Köthen 1900

Umfang der Grafschaft Mühlingen nach Friedrich Heine. Geschichte der Grafschaft Mühlingen. Paul Schettlers Erben GmbH, Köthen 1900

Siegfried von Jabilinze war vermutlich Teil dieser königlichen Ausgleichspolitik. Mit seinem Wandel vom Gegner Lothars zum Profiteur einer gegen Albrecht gerichteten Politik geriet er spätestens nach dem Tod des Königs im Jahr 1137 in ernste Gefahr und war nun ohne seinen königlichen Protektor und Förderer darauf angewiesen, alle seine Hoffnungen auf eine Niederlage Albrechts zu setzen12)(Heinrich 1961, S. 301).

Wie die Pöhlder Annalen berichten13)MGH SS 16 S. 80, bekam Albrecht Siegfrieds Stammburg Jabilinze dafür übereignet, dass er seinem Bruder Baderich verschonte. Dieser musste ihm sicher widerwillig weitere Zugeständnisse machen und geriet vermutlich somit vorübergehend in askanische Abhängigkeit14)(Heinrich 1961, S. 301). Wenn Albrecht Siegfrieds Burg schon vor 1138 übernommen hätte und diese wirklich in der Nähe Bernburgs lag15)(Ledebur 1847, S. 108) verwundert es, dass Jabilinze nicht gemeinsam mit Bernburg von den Gegnern des Askaniers zerstört wurde. Auch im April 1139 befindet sich Jabilinze nicht unter den Angriffszielen Erzbischof Konrads und des Welfen Heinrich dem Stolzen, die stattdessen die Stammburg Bernhard von Plötzkaus zerstörten16)(Claude 1975, S. 45). Dieser Sachverhalt wäre nur plausibel erklärbar, wenn die Übername Jabilinzes durch Albrecht erst nach dem April 1139 erfolgte.

Fußnoten   [ + ]

1. Annalista Saxo zu 1138: „Eodem tempore castrum quod Bemeburch dicitur igne crematum est propter tyrannidem, quam exercebat inde Eilica cometissa cum suis“. Pertz, Georg Heinrich: [Annales aevi Sue- vici]. Hannoverae: Hahn 1859 (Monumenta Germaniae Historica Scriptores 16), S. 186.
2. (Winter 1867, S. 115) Anmerkung 5
3. (Heinrich 1961, S. 475)
4. (Ott 1997, S. 33)
5. (Claude 1975, S. 32)
6, 7. (Partenheimer 2001, S. 44)
8. (Partenheimer 2001, S. 43)
9. (Heinrich 1961, S. 478)
10. (Heinrich 1961, S. 299–300)
11. (Partenheimer 2001, S. 50)
12, 14. (Heinrich 1961, S. 301)
13. MGH SS 16 S. 80
15. (Ledebur 1847, S. 108)
16. (Claude 1975, S. 45)