Schloss Bernburg, Altes Haus

Folterausstellung im Schloss Bernburg wird neu präsentiert

Wissenschaftliche Betreuung macht aus dem “Gruselkabinett” eine sehenswerte Ausstellung

Schloss Bernburg, Altes Haus
Schloss Bernburg, Altes Haus Foto: O. Böhlk

Manche Erbschaften machen einem das Leben nicht gerade leichter. Als der promovierte Archäologe Roland Wiermann die Leitung des Bernburger Museums übernahm, erbte er gleich eine ganze Reihe von Schwierigkeiten.

In Bernburg fand sich eine fachlich recht gut gemachte Ausstellung zum Mühlenwesen, die eigentlich nicht in’s Schloß, sondern in die leerstehende Saalemühle gehört und inzwischen, nach der Aussonderung allzu sozialistisch-propagandistischer Bestandteile, nur noch als Torso vorhanden ist, ein wertvolles aber in weiten Teilen unerschlossenes Depot mit einst reichen Sammlungsbeständen, das in den letzten Jahrzehnten so manchen ungeklärten Verlust hinnehmen musste, eine zumindest ebenso wertvolle historische Bibliothek, deren Inhalt aber bisher nur einem von der vorherigen Museumsleitung handverlesenen Personenkreis zugänglich war, und vor allem, ein höchst umstrittenes “Gruselkabinett”, das sein Amtsvorgänger, der heute als CDU Landtagsabgeordnete und als Mitglied des Bildungs- und Kulturausschusses tätige Jürgen Weigelt als “Publikumsmagnet” für das Schlossmuseum für viel Geld anschaffte, da es hier ja scheinbar nichts anderes zum Ausstellen gab.

Werbung Foltermuseum Prag
Kommt Ihnen dieses Bild bekannt vor? Nein, hier handelt es sich nicht um ein Plakat aus Bernburg, sondern um Werbung des Foltermuseums in Prag

Besonders diese von Heimwerkern aus Italien und Polen nach “authentischen” Vorbildern aus dem 19. Jahrhundert fabrizierte Geschmacklosigkeit wird man schwer wieder los.

Die ab dem 29. August 1999 in Bernburg gezeigte Ausstellung, welche nicht nur Kinder erschreckte, einschlägige Szenegänger erregte und Fachleute belustigte, konnte in der ersten Zeit nach ihrer Anschaffung noch erfolgreich verliehen werden.

Doch leider produzierten die fleißigen Folterinstrumentenfabrikanten im europäischen Ausland immer mehr ähnlicher Geräte und langsam sprach sich herum, dass man mit derlei Exponaten im Keller schnell den Anschein von Seriosität in der Museumsbranche aufs Spiel setzte.

Nun, nach mehr als 10 Jahren Folterausstellung in Bernburg, hat Roland Wiermann, gemeinsam mit dem Wissenschaftler-Ehepaar Monika und Dietrich Lücke eine gute Möglichkeit gefunden, das Problem geschickt zu lösen.

Die Ausstellung wurde umgeräumt und neu strukturiert. Als wichtigstes neues Element sind nun zahlreiche ansprechend gestaltete Tafeln dazugekommen, die einen Einblick in die Rechtspraxis, die Funktionsträger und die Verfahrensabläufe mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Gerichtsprozesse vermitteln. Dabei setzen sich die Texte auch explizit mit den Auswirkungen romantischer und unwissenschaftlicher Vorstellungen des 19. Jahrhunderts auseinander, welchen die Bernburger Ausstellung letztendlich ihr Entstehen verdankt.

Einen wichtigen und neuen Schwerpunkt bildet nun auch eine wissenschaftliche Darstellung des wichtigen Themas “Hexenprozesse”.

Hier gelang durch die Einbindung von Monika und Dietrich Lücke ein Glücksgriff, denn die beiden Forscher arbeiten schon seit vielen Jahren an diesem Thema.

Ganz folgerichtig war es natürlich dann auch, dass die Wissenschaftler ihre neue Publikation mit dem Titel “Ihrer Zauberei halber verbrannt – Hexenverfolgungen in der Frühen Neuzeit auf dem Gebiet Sachsen-Anhalts” bei einer Veranstaltung am 29.09.2011 im Keller des Bernburger Museums vorstellten.

Nun kann man nur wünschen, dass es gelingt, den schlechten Ruf der Ausstellung möglichst bald zu überwinden. Schauen Sie doch einmal vorbei, es lohnt sich!

Interessante Links zum Thema

Presse zum Thema

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  • MZ-Artikel vom 02.09.2000 “Museumsverbot erlassen”
  • MZ-Artikel vom 02.03.2002 “Exponate menschlicher Grausamkeiten im Museum”
  • MZ-Artikel vom 31.07.2002 “Nach Streichelzoo zur Folterkammer”
  • MZ-Artikel vom 27.07.2005 “Grausame Folterinstrumente reisen nach Neustadt/Orla”
  • Ein amüsanter Leserbrief zum Thema in der MZ vom 13.08.2005