Glocken führen in die Vergangenheit – die Grönaer Kirche St. Petri

Die Kirche St. Petri in Gröna. Quelle: Wikipedia CC-BY-3.0 Bildautor: Ralf Lotys

Die Kirche St. Petri in Gröna. Quelle: Wikipedia CC-BY-3.0 Bildautor: Ralf Lotys

Im Bernburger Ortsteil Gröna erhebt sich eindrucksvoll auf einer Anhöhe über dem Saaletal die Kirche St. Petri.

Auffällig an dem heutigen Kirchenbau ist, dass er dicht von angrenzenden Grundstücken und dem Straßenraum umgeben ist. Reste eines Friedhofes sind nicht erkennbar und die Kirche ist auch nicht in Ost-West-Richtung, sondern von Nord nach Süd ausgerichtet.

Es scheint sich hier also nicht um ein mittelalterliches Gebäude zu handeln und wie erwartet, erbringt die Recherche das Ergebnis, dass der Bau der Kirche St. Petri in Gröna erst um das Jahr 1700 erfolgte.

Wenn man den sanierten Turm ersteigt, erlebt man aber eine Überraschung. Im Glockengeschoss finden sich zwei Glocken, die einige interessante Fragen zur Geschichte der Grönaer Kirche aufwerfen.

Das Geheimnis der Glocken

Die beiden Glocken der St. Petri-Kirche in Gröna. Rechts die nach Schubart ältere Glocke.

Die beiden Glocken der St. Petri-Kirche in Gröna. Rechts die nach Schubart ältere Glocke.

Jede der beiden Glocken trägt einen interessanten Schmuck. Während die eine von einem Schriftband geziert wird, fallen am Hals der anderen Glocke 13 bildliche Darstellungen auf. Die Deutung der Schmuckelemente beider Glocken bildete lange ein Rätsel. Man hielt die Inschrift für „mystische Zeichen“1)Schubart,Friedrich Wilfried (1896) „Die Glocken im Herzogtum Anhalt“, S. 262 und rätselte über das herzförmige Wappen mit den zwei abgebildeten Vögeln. Eine gelungene Deutung gab erst Friedrich Wilfried Schubart in seiner in vielfacher Hinsicht wertvollen Schrift „Die Glocken im Herzogtum Anhalt“ aus dem Jahr 1896.

Das Schriftband der älteren Grönaer Glocke. Quelle nach Schubart,Friedrich Wilfried (1896)„Die Glocken im Herzogtum Anhalt“ S. 265

Das Schriftband der älteren Grönaer Glocke. Quelle: Schubart,Friedrich Wilfried (1896)„Die Glocken im Herzogtum Anhalt“ S. 265

Schubart entzifferte die spiegelbildliche Inschrift der älteren der beiden Glocken und las diese als Glockenspruch: „DUM RESONO CRISTE BENEDICTUS SIT LOCUS ISTE AMEN“ („Wenn ich ertöne, Christ, gib, dass der Ort gesegnet ist. Amen“) und datierte die Glocke aufgrund ihrer Form und der verwendeten Schrift in den Ausgang des 12. Jh.2)Schubart S. 264

Auch für das Herzwappen der anderen Glocke fand Schubart eine passende Interpretation. Er erkannte darin das Wappen der Struze (Strauße) von Pfuhle: ein herzförmiges Schild mit zwei sich zugewandten Straußen.3)Schubart S. 263

Diese Plakette an der jüngeren Glocke wurde von Schubart als Wappen derer von Pfuhle gedeutet. Quelle: Schubart,Friedrich Wilfried (1896)„Die Glocken im Herzogtum Anhalt“ S. 267

Diese Plakette an der jüngeren Glocke wurde von Schubart als Wappen derer von Pfuhle gedeutet. Quelle: Schubart,Friedrich Wilfried (1896)„Die Glocken im Herzogtum Anhalt“ S. 267

Ein Reitersiegel an derselben Glocke erkennt er als Siegel des Theodericus de Pole, der urkundlich zwischen 1212 und 1224 erwähnt wurde. Damit dürfte diese Glocke in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstanden sein. Schubart vermutete eine Stiftung durch den erwähnten Adeligen. Zu klären, ob die Plaketten an der Glocke auch auf Pilgerzeichen verweisen, bedarf einer zukünftigen Untersuchung.

Gröna, jüngere Glocke. Plakette mit der Abbildung eines Reiters. Quelle: Schubart,Friedrich Wilfried (1896)„Die Glocken im Herzogtum Anhalt“ S. 268

Gröna, jüngere Glocke. Plakette mit der Abbildung eines Reiters. Quelle: Schubart,Friedrich Wilfried (1896)„Die Glocken im Herzogtum Anhalt“ S. 268

Offensichtlich verfügen die Glocken über ein höheres Alter als der Turm, in dem sie heute hängen. Schuberts Text liefert auch hierfür eine Lösung mit, indem er auf einen Hinweis aus dem Anh. Bernburger Wöchentlichen Anzeiger vom Jahr 1797, S. 245 verweist, in dem es heißt, dass die „Glocke zu Gröna […] von Alters auf dem Turm der alten Kirche nicht weit von den Steinbrüchen gehangen“. Diese „alte Kirche“ bei den Steinbrüchen war also der Ort, für den die Glocken einst gegossen wurden.

Die Zernitzer Peterskirche sorgt für Verwirrungen in der Bernburger Stadtgeschichte

Bezüglich der alten „Grönaer“ Peterskirche kam es zu einer für die Bernburger Stadtgeschichte folgenreichen Verwirrung. Der als Autorität geltende Schöpfer des „Codex diplomaticus Anhaltinus“, Otto von Heinemann, ordnete eine Urkunde aus dem Jahr 1228 im 1883 erschienenen Index seiner Urkundensammlung der Bernburger Marienkirche zu.4)CDA 6, Index S. 27. In der Urkunde ging es um einen Streit zwischen dem Kloster Ilsenburg und dem Pfarrer der Bernburger Aegidienkirche über Rechte an einer Kirche in dem heute wüsten Dorf Zernitz. Die Aegidienkirche wurde darin nicht explizit erwähnt. Graf Heinrich I. von Anhalt nannte die Bernburger Kirche nur mit der Formulierung „ecclesia nostre in Berneburg“.

Dabei war die Wendung „ecclesia nostra“ (unsere Kirche) nicht irgendeine Floskel, sondern kennzeichnete, dass dem Fürsten der Grund und Boden, auf dem die Kirche stand, gehörte. Es handelte sich bei der Bernburger Kirche also um eine sogenannte „Eigenkirche“ des Fürsten.

Vielen Bernburgern ist der Name „Zernitz“ noch heute ein Begriff. An der Brücke bei Aderstedt, wo die L65 die Wipper überquert, steht die „Zö(e)rnitzer Mühle“ und erinnert daran, dass sich in der Nähe ein Dorf namens „Zernitz“ befand.

Die erwähnte Urkunde nennt auch einen Bernburger Pfarrer namens Walther, der in verschiedenen Schriftstücken aus der Umgebung Heinrich I. auftaucht und auch als Notar des Fürsten arbeitete.

Als Wirkungsstätte dieses Pfarrers Walther führte nun Albert Hinze in seiner im Jahr 1902 erschienen Schrift „Altes und Neues von der Marienkirche zu Bernburg“ die Talstädter Marienkirche in die Bernburger Geschichtsschreibung ein. Dabei gab er die einfache, aber schlüssige Begründung, dass „die Marienkirche die älteste der Stadt ist“.5)Hinze, A. (1902): Altes und Neues von der Marienkirche zu Bernburg. S. 15. Das Jahr 1228 als erste Nennung der Marienkirche ist seitdem in vielen Bernburger Publikationen und bei Stadtführungen eine oft erwähnte Jahreszahl, auch wenn sich dieses Datum auf die Aegidienkirche bezieht, da die Marienkirche nie eine Eigenkirche der Fürsten von Anhalt war, die Aegidienkirche nachweislich aber schon.6)Böhlk, Olaf (2011) „Auf den Spuren der Gotik. Die Stadt Bernburg im Mittelalter“ S. 71

Zusammen mit Hinzes Fehlinterpretation gelangte nicht nur die älteste Bernburger Kirche auf die falsche Saaleseite sondern auch die Kirche im wüsten Zernitz. Die so entstandene scheinbare Nähe zur Altstädter Marienkirche führte zu Verwirrungen in der Bernburger Stadtgeschichte.

Daran änderte auch der Sachverhalt nichts, dass Leo Bönhoff bereits im Jahr 1914 sowohl den korrekten Bezug des Datums 1228 auf die Aegidienkirche als Wirkungsstätte des Pfarrers Walther, als auch die Lage der alten Zernitzer Peterskirche auf der Grönaer Saaleseite richtig darstellte.7)Bönhoff, Leo (1914): Der Süden der Magdeburger Erzdiözese und seine kirchliche Verfassung. S. 162.

In einem mehrteiligen Aufsatz aus dem Jahr 1929 in der Zeitschrift „Serimunt“8)Stieler, Franz (1929): Die beiden Zernitz. In: Serimunt, Heft 21-23 griff der Heimatforscher Franz Stieler Bönhoffs Thesen auf und ergänzte diese mit weiteren Beispielen.

Alle diese Bemühungen waren vergebens. Hans Peper verlegt die Zernitzer Kirche in seiner im Jahr 1938 entstandenen und bis heute sehr populären Bernburger Stadtchronik wieder an die Wipper9)Peper, Hans (1938): Geschichte der Stadt Bernburg. S. 39 auch wenn er bezüglich der Urkunde von 1228 Zweifel darüber anmeldete, ob wirklich die Marienkirche erwähnt wurde. Bezieht sich Volker Ebersbach im ersten Band seiner Stadtchronik aus dem Jahr 1998 auf Pepers Text, wenn er schreibt, dass „1228 die altstädtische Ansiedlung erstmalig erwähnt“10)Ebersbach, Volker (1998): Geschichte der Stadt Bernburg. Band 1. S. 43 wird? Bei einer Google-Suche nach „Marienkirche Bernburg 1228“ ergeben sich zahlreiche Treffer, die von der weiten Verbreitung des Fehlers in aktuellen Texten künden.

Die zwei Zernitz-Dörfer

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Die beiden Zernitz-Siedlungen

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Ze(ö)rnitzer Mühle: 51.787117, 11.699324
Vermuteter Standort der alten Zernitzer Kirche: 51.772355, 11.701469
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Ze(ö)rnitzer Mühle
Aderstedt, Deutschland
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Vermuteter Standort der alten Zernitzer Kirche
Gröna, Deutschland

Zur Verwirrung trug nicht unerheblich bei, dass es offensichtlich zwei Siedlungen mit dem Namen „Zernitz“ gab, die beide in Nachbarschaft zu Aderstedt auf den gegenüberliegenden Ufern der Saale lagen. Es scheint, als ob es erst während der Entwicklung des Namens beider Siedlungen zur Vereinheitlichung der Schreibweise kam. Ursprünglich handelte es sich aber vermutlich um zwei unabhängige Plätze, deren Namen zwar ähnlich aber nicht identisch waren.

Beim „Grönaer“ Zernitz am östlichen Saaleufer erscheint die Herleitung vom urslawischen Wort für „schwarz“ (*Cernik zu aso. *cern- ’schwarz‘) plausibel.11)Freydank, Steinbrück (1966) „Die Ortsnamen des Bernburger Landes“ S. 65, Bily (1996) Ortsnamenbuch des Mittelelbegebietes S. 437 Eine solche Deutung reiht Zernitz in eine Kette von Siedlungsnamen in der Nähe ein, die auf Brandrodungsvorgänge schließen lassen, als man ab dem frühen Mittelalter den Wald auf den Hochflächen östlich der Saale in Ackerland umwandelte.12)Siehe z.B. die Deutung für das in der Nähe liegende wüste Sabrau bei Bischoff, Karl Sprache und Geschichte an der mittleren Elbe und der unteren Saale S. 63

Der Name der Siedlung Zernitz an der Wippermündung wird in der Forschung ebenso begründet.13)Freydank, Steinbrück (1966) „Die Ortsnamen des Bernburger Landes“ S. 65

Vielleicht deutet aber die Bezeichnung der westsaalischen Siedlung auch auf einen anderen Ursprung, wenn man eine Herleitung vom altsorbischen Wort für „Mühle“ in Betracht zieht (zu altsorbisch. *zern- (< *zrn-), vgl. tsch. zernov ‚Mühlstein‘, zerna ‚Handmühle‘, poln. zarnow ‚Mühlstein‘).14)Bily (1996) Ortsnamenbuch des Mittelelbegebietes S. 350

Eine Mühle wird dort schon 1170/80 erwähnt15)Jacobs (1875) „Urkundenbuch des in der Grafschaft Wernigerode belegenen Klosters Ilsenburg“, Band 1, Nr. 29. Besonders die zweitälteste Nennung des Ortes im Jahr 1331 als „Cernquitz“16)CDA V Anhang 11. (Lehnbuch des Fürsten Bernhard III von Anhalt. lässt vielleicht dann auch an die Möglichkeit „Mühlenkiez“ denken, eine Siedlung bei der Wippermühle.

„Zeitmaschine“ Peterskirche – Einblicke in eine entfernte Vergangenheit

Offensichtlich weisen also die beiden Glocken im Turm der Kirche St. Petri in Gröna darauf hin, dass sich der Standort der Kirche verändert hat. Aufgrund von Forschungen von Mitarbeitern der Kirchgemeinde Gröna konnte man dort im Jahr 2004 das 300. Jubiläum des Kirchenneubaus in Gröna feiern.17)Persönliche Mitteilung von Frau Elke Simon

Was wurde aber aus der alten Peterskirche und dem benachbarten Dorf Zernitz? Aufschluss darüber gibt auch hier wieder die Forschung Franz Stielers, der zur Geschichte von Gröna, Aderstedt und Plötzkau intensiv gearbeitet hat.

Stieler teilt uns den bisher letzten Akt in der langen Geschichte der Zernitzer Peterskirche mit: „Im Jahre 1825 wurde dem Rittmeister [Anton Emil von Krosigk] vom Bernburger Konsistorium gegen einen jährlichen ‚Kanon‘ von 2 Talern, der später aufhörte, das alte Grönaer Gotteshaus auf dem Friedhof des ehemaligen Dorfes Zernitz überlassen. Krosigk ließ die verfallende Kirche niederreißen und an ihrer Stelle die Familiengruft seines Hauses errichten.18)Stieler, Franz (1938) „Adelsdorf, Rittergut und Schloß Schlewip-Gröna“, Bernburger Kalender 1938

Der heutige Grönaer Friedhof (rechts im Bild) war ursprünglich der Friedhof der alten Zernitzer Peterskirche.

Der heutige Grönaer Friedhof (rechts im Bild) war ursprünglich der Friedhof der alten Zernitzer Peterskirche.

Aus dem bereits oben erwähnten, umfangreichen Artikel Stielers zum Thema Zernitz kann man entnehmen, dass die Zernitzer Peterskirche in einem Vertrag aus dem Jahr 1544 vom inzwischen zuständigen Bernburger Amt den Bewohnern des zum Amt Plötzkau gehörigen Dorfes Gröna zum Gebrauch überlassen wurde, um es vor dem Verfall zu schützen.19)Stieler, Franz (1929): Die beiden Zernitz. In: Serimunt, Heft 23 Bereits im 15. Jh. wird Zernitz, wie seine Nachbardörfer Borne, Krakau und Sabrau wüst geworden sein.20)Eine Zusammenfassung bei Falke, Karsten (2005) „Die mittelalterlichen Wüstungen des Bernburger Landes“ In: „Mitteilungen des Vereins für Anhaltische Landeskunde] Bd. 14 (2005) S. 63-91

Wie die mit der Gründung des Bistums Halberstadt in Verbindung stehenden Stephanskirchen westlich der Saale verweisen auch die Peterskirchen auf dem östlichen Saaleufer auf die frühe Kirchengeschichte unseres Gebietes. Sie treten ebenso flächendeckend auf und kennzeichnen damit ein überregionales Christianisierungsprogramm im dem ab 806 militärisch unterworfenen slawischen Gebieten zwischen Elbe und Saale.21)Grundsätzlich zu den Peterskirchen: Graf, Gerhard (1999) Peterskirchen in Sachsen

Urpfarreien und Peterskirchen im Gebiet zwischen Saale und Fuhne nach Neuss, Erich (1969) Die Gründung des Erzbistums Magdeburg und die Anfänge des Christentums im erzstiftischen Südterritorium S. 49

Urpfarreien (dunkelgrüne Flächen) und Peterskirchen (rote Punkte) im Gebiet zwischen Saale und Fuhne nach Neuss, Erich (1969) Die Gründung des Erzbistums Magdeburg und die Anfänge des Christentums im erzstiftischen Südterritorium S. 49

Die Kirchen mit Peters-Patrozinium wurden also im eroberten Gebiet und somit auf ursprünglich königlichem Grund errichtet. Zum Unterhalt der Pfarrstelle und des Gebäudes waren sie oft mit mehreren Dörfern ausgestattet, deren Einwohner die gemeinsame Kirche zum Gottesdienst aufsuchten.

Auch bei der Zernitzer Peterskirche war das so, denn auch die Einwohner der Orte Borne, Gröna, Sabrau, Krakau und Joddendorp nutzen vermutlich diese Kirche gemeinsam. Alle diese Dörfer wurden oft zusammen in historischen Schriftstücken genannt und bildeten bis zum Wüstwerden der meisten von ihnen einen lehnsrechtlichen Komplex.22)Siehe dazu Böhlk, Olaf (2011) Auf den Spuren der Gotik, Die Stadt Bernburg im Mittelalter; S. 89

Die erkennbar weiträumigen Pfarrbezirke gingen auf die „Urpfarreien“ der Peterskirchen zurück, die als erste Kirchenstruktur auf dem östlichen Saaleufer angelegt wurden.

Es ist anzunehmen, dass die Urpfarrei der Zernitzer Peterskirche bis zur Fuhne reichte und erst später durch die Aktivitäten des hochmittelalterlichen Landesausbaus und der Errichtung neuer Kirchen verkleinert wurde. Auch der Streit mit der askanischen Bernburger Aegidienkirche im Jahr 1228 muss vor diesem Hintergrund gesehen werden.

Die Einrichtung der hochmittelalterlichen Bistumsorganisation überlagerte die älteren Strukturen der Peterskirchen. Es kam dabei vermutlich erst mit einiger Verzögerung zur Festlegung genauer kirchlicher Grenzen, die nicht unbedingt älteren politische Grenzen entsprechen mussten.23)Grabolle, Pasda 2007 – Die frühmittelalterliche Burg auf dem Johannisberg bei Jena-Lobeda, S. 64 Dabei dienten oft Flüsse als Orientierung. Die Saale grenzte in unserem Gebiet, wie die Bode das Bistum Halberstadt vom später eingerichteten Erzbistum Magdeburg ab.24)Schwarze-Neuss 1999 – Besitzgeschichte und Territorialpolitik des Magdeburger S. 98 Die Fuhne diente als Innengrenze des Erzbistums Magdeburg, sie trennte den Bann Köthen vom Bann Halle.25)Bönhoff, Leo (1914) S. 134 Dass bei der Fuhne kirchliche, politische und historische Landschaftsgrenze so passend zusammenfielen, liegt an der besonderen Eignung dieses Gewässers als Grenzmarkierung, denn die Fuhneniederung bildete in großen Abschnitten ein sumpfiges Ödland und entsprach damit in idealer Weise einem natürlichen frühmittelalterlichen Grenzsaum. Ein zu dieser Zeit vermutlich bewaldeter Endmoränenzug, auf dem der Bierberg bei Gerbitz, das Spitze Hoch, der Crüchernsche Mühlberg und der Akazienberg bei Gröbzig liegen26)Falke 2000 – Heimatkunde des Landkreises Bernburg S. 49 unterstreicht die Eignung der Fuhneniederung als Grenze der Landschaft Serimunt (um das heutige Köthen) und Nudzizi (zwischen Saale und Fuhne) noch.

Die Lage der Peterskirchen im slawischen Gebiet verweist auf ihre Funktion bei der oft schwierigen Mission der slawischen Bevölkerung. Die erst im Jahr 1293 erfolgte Abschaffung des Slawischen als Gerichtssprache im Gebiet des Klosters Nienburg27)Schrage 1999 – Zur Siedlungspolitik der Ottonen S. 255 verdeutlicht die Notwendigkeit der muttersprachlichen Predigt in der frühen Mission. Über Bischof Werner von Merseburg (1073-1101) lesen wir bei Hans K. Schulze folgendes: „Er ließ sich Predigten in slawischer Sprache anfertigen, die für ihn in lateinischen Buchstaben niedergeschrieben wurden. In zischenden Lauten {verbis stridentibus) hielt er Predigten, deren Worte er selbst nicht verstand. Dennoch scheinen seine Predigten großen Eindruck auf die Zuhörer gemacht zu haben“.28)Schulze 2006 – Siedlung, Wirtschaft und Verfassung S. 42. Ab der zweiten Hälfte des 12. Jh. verstummte das Klagen über das Heidentum der Slawen in unserem Gebiet.29)Schlesinger 1983 – Kirchengeschichte Sachsens im Mittelalter Band 2 S. 359 Der religiöse Integrationsprozess war erfolgreich beendet. An seinem Erfolg hatten die Peterskirchen sicher einen entscheidenden Anteil.

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Fußnoten   [ + ]

1. Schubart,Friedrich Wilfried (1896) „Die Glocken im Herzogtum Anhalt“, S. 262
2. Schubart S. 264
3. Schubart S. 263
4. CDA 6, Index S. 27.
5. Hinze, A. (1902): Altes und Neues von der Marienkirche zu Bernburg. S. 15.
6. Böhlk, Olaf (2011) „Auf den Spuren der Gotik. Die Stadt Bernburg im Mittelalter“ S. 71
7. Bönhoff, Leo (1914): Der Süden der Magdeburger Erzdiözese und seine kirchliche Verfassung. S. 162.
8. Stieler, Franz (1929): Die beiden Zernitz. In: Serimunt, Heft 21-23
9. Peper, Hans (1938): Geschichte der Stadt Bernburg. S. 39
10. Ebersbach, Volker (1998): Geschichte der Stadt Bernburg. Band 1. S. 43
11. Freydank, Steinbrück (1966) „Die Ortsnamen des Bernburger Landes“ S. 65, Bily (1996) Ortsnamenbuch des Mittelelbegebietes S. 437
12. Siehe z.B. die Deutung für das in der Nähe liegende wüste Sabrau bei Bischoff, Karl Sprache und Geschichte an der mittleren Elbe und der unteren Saale S. 63
13. Freydank, Steinbrück (1966) „Die Ortsnamen des Bernburger Landes“ S. 65
14. Bily (1996) Ortsnamenbuch des Mittelelbegebietes S. 350
15. Jacobs (1875) „Urkundenbuch des in der Grafschaft Wernigerode belegenen Klosters Ilsenburg“, Band 1, Nr. 29
16. CDA V Anhang 11. (Lehnbuch des Fürsten Bernhard III von Anhalt.
17. Persönliche Mitteilung von Frau Elke Simon
18. Stieler, Franz (1938) „Adelsdorf, Rittergut und Schloß Schlewip-Gröna“, Bernburger Kalender 1938
19. Stieler, Franz (1929): Die beiden Zernitz. In: Serimunt, Heft 23
20. Eine Zusammenfassung bei Falke, Karsten (2005) „Die mittelalterlichen Wüstungen des Bernburger Landes“ In: „Mitteilungen des Vereins für Anhaltische Landeskunde] Bd. 14 (2005) S. 63-91
21. Grundsätzlich zu den Peterskirchen: Graf, Gerhard (1999) Peterskirchen in Sachsen
22. Siehe dazu Böhlk, Olaf (2011) Auf den Spuren der Gotik, Die Stadt Bernburg im Mittelalter; S. 89
23. Grabolle, Pasda 2007 – Die frühmittelalterliche Burg auf dem Johannisberg bei Jena-Lobeda, S. 64
24. Schwarze-Neuss 1999 – Besitzgeschichte und Territorialpolitik des Magdeburger S. 98
25. Bönhoff, Leo (1914) S. 134
26. Falke 2000 – Heimatkunde des Landkreises Bernburg S. 49
27. Schrage 1999 – Zur Siedlungspolitik der Ottonen S. 255
28. Schulze 2006 – Siedlung, Wirtschaft und Verfassung S. 42.
29. Schlesinger 1983 – Kirchengeschichte Sachsens im Mittelalter Band 2 S. 359