St. Stephan in Waldau – eine Kirche mit langer Geschichte

Kirche St. Stephan in Waldau von Osten

Zahlreiche Besucher waren bereits von der Schönheit der romanischen Stephanskirche im Bernburger Ortsteil Waldau begeistert.

Scheinbar frei von späteren Veränderungen hat sich hier ein Beispiel für den in unserer Region häufig anzutreffenden Dorfkirchentyp des flachgedeckten Feldsteinbaus mit Westquerturm, eingezogenem Rechteckchor und Apsis mit charakteristischer Staffelung in seiner ausgeprägtesten Form, der „vollständigen Anlage“ erhalten1)Dehio, Georg (1976): Der Bezirk Halle (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, / Neubearb.durch d.Abt.Forschung d.Inst.für Denkmalpflege S. 372)Mehr Informationen zu den Bautypen romanischer Dorfkirchen auf der Webseite „Mittelalterliche Dorfkirchen im Teltow (Brandenburg).

Dieses unverfälschte Aussehen verdankt die Kirche einer „Stilbereinigung“ im Jahr 19103)Grote, Hans Wilhelm Karl Ludwig (1926): Romanische Dorfkirchen in Anhalt. In: Bernburger Kalender, Jg. 1., S. 40–43., bei der spätere Anbauten beseitigt, die großen Fensteröffnungen aus dem 18. Jh. rückgebaut und zahlreiche Sandsteinbauteile erneuert wurden.

Vor dieser Maßnahme befand sich vor dem Haupteingang südlich des Kirchenschiffs ein barocker Anbau, ähnlich wie er heute noch bei der benachbarten Kirche in Altenburg anzutreffen ist. Eine Postkarte von Otto Brendel zeigt diesen Zustand.

"Alte Kirche in Waldau vor der Renovation", Postkarte Verlag Otto Brendel, mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs Bernburg

Südliche Grabplatte mit Bogensockel-kreuz-Darstellung im Durchgang zum Turm

In einer auf das Jahr 964 datierten Urkunde wird „Waldalem cum capella abbatisse et Parochie4)Schulze, Hans K.; Vorbrodt, Günter W.; Specht, Reinhold (1965): Das Stift Gernrode. Köln [u.a.]: Boehlau (Mitteldeutsche Forschungen, 38). S. 193 erwähnt. Auch wenn es sich bei diesem Dokument um eine mutmaßliche Fälschung aus der Zeit um das Jahr 1200 handelt, sind sich die Historiker darüber einig, dass die Pfarrkirche St. Stephan in Waldau Teil der Stiftung des berühmten Markgrafen Gero an sein neu gegründetes Hauskloster in Gernrode war5)Mehr über das bedeutende Kloster Gernrode erfahren Sie auf der Webseite des Projektes „SchleierHaft? Mittelalterliches Leben im Frauenstift Gernrode.

Die beiden als Türzargen in der Pforte zum Turm wiederverwendeten ottonischen Grabsteine verweisen deutlich auf einen Vorgängerbau aus dieser Zeit6)Siehe dazu Leopold, Gerhard (1983): Der Dom Ottos I. zu Magdeburg. In: Möbius, Friedrich (Hg.): Architektur des Mittelalters. Funktion und Gestalt. S. 67.7)Aufsatz zum Thema „Das Kreuz über dem Halbkreisbogen“ auf der Seite von Sven Gerth.

Reste einer Reliefdarstellung über der Eingangstür der Waldauer Kirche St. Stephan

Aber noch weitere Teile von älteren Bauten wurden in der heute bestehenden Kirche wiederverwendet, wie beispielsweise ein Stein, welcher als Türsturz über dem Eingangsportal dient und Reste einer Reliefdarstellung trägt, die deutlich erkennbar eine erhobene Hand zeigt.

Das heutige Kirchenschiff entstand, wie auch die romanischen Kirchenbauten auf dem Burgberg östlich der Saale, in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts 8)Schmitt, Reinhard (Hg.) (2009): Schloss Bernburg. Leipzig: Ed. Leipzig. S. 16.

Der Turmunterbau erscheint älter als die Substanz des heute vorhandenen Kirchenschiffs, denn mit dessen Errichtung wurde offensichtlich eine Erhöhung des Turmes notwendig, da nun die Ostfenster des bisher vorhandenen Glockengeschosses durch den neuen Dachstuhl verstellt wurden.

Stephanskirche Waldau: Zeichnung des Turmes, Bernburger Kalender 1941 S. 114. Die von S. E. Schenker in dem begleitenden Artikel vorgeschlagene Nutzung des Turmuntergeschosses als NS-Weihestätte blieb der Kirche glücklicherweise erspart!

Aber nicht nur die baulichen Bedingungen weisen auf eine lange Vorgeschichte des romanischen Kirchenbaus hin, auch das St. Stephans-Patrozinium der Kirche ist Beleg für ein hohes Alter.

Der qualitätvolle Waldauer Kirchenbau war bezüglich seiner Funktion keine einfache „Dorfkirche“ sondern im Hochmittelalter Sitz eines Archipresbyters9)CDA II, Nr. 735. Das heißt dem dortigen Geistlichen unterstanden die Priester seines Sprengels zu dem unter anderem die Kirchen von Altenburg, Plezege (Wüstung am Bläser See bei Altenburg) Dröbel und Poley gehörten10)Schulze, Vorbrodt et al. 1965 – Das Stift Gernrode. Karte im Anhang. Der Waldauer Pfarrsprengel deckte vermutlich den gesamten Gernröder Besitz am westlichen Saaleufer und der unteren Bode ab.

Ehemalige Ausdehnung des Bistums Halberstadt nach M. Tullner (1996), frühe Stephanskirchen nach S. Pätzold (2000) und fränkische Stützpunkte nach Grimm (1958) – Die vor- und frühgeschichtlichen Burgwälle S. 62, Karte: Olaf Böhlk

Er ähnelt in seiner Größe den Sprengeln anderer Stephanskirchen westlich der Elbe und Saale und verweist damit auf die Entstehungszeit der karolingischen Kirchenorganisation im „Nordthüringengau“ und die Einordnung in die Gründungsphase des Bistums Halberstadt im frühen 9. Jahrhundert11)Pätzold, Stefan (2000): Die Anfänge des Christentums an der mittleren Elbe: von der Ankunft der ersten Glaubensboten bis zur Gründung des Erzbistums Magdeburg im Jahr 968. In: Concilium medii aevi. Zeitschrift für Geschichte, Kunst und Kultur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, H. 3, S.135-153.

Die Waldauer Stephanskirche dürfte damit in engem Zusammenhang mit dem auf dem Martinsberg in Waldau vermuteten fränkischen Königs- und späteren Gernröder Klosterhof stehen, dessen „Burgkirche“ sie ist, währenddessen der dort befindlichen Martinskapelle die Rolle der „Burgkapelle“ zukam12)Zur Differenzierung Burgkapelle – Burgkirche: Graf, Gerhard (1999): Peterskirchen in Sachsen. Ein patrozinienkundlicher Beitrag zum Land zwischen Saale und Neiße bis an den Ausgang des Hochmittelalters. S. 50.

Dieses Schema wiederholte sich auch auf dem ostsaalischen Bernburger Burgberg. Hier übernahm die Funktion der Burgkapelle die St. Pankratius-Kapelle, während die Aegidienkirche die Burgkirche darstellt. Wie in Waldau saß vermutlich auch auf dem Bernburger Burgberg im Jahr 1195 ein Archipresbyter, der auch Notardienste für den askanischen Burgherren übernahm13)CDA I, Nr. 693.14)Zur Bernburger Kirchengeschichte und der Rolle der St. Aegidienkirche als asketische Eigenkirche: Böhlk, Olaf (2011): Auf den Spuren der Gotik. Die Stadt Bernburg im Mittelalter; Begleitband zum Kolloquium Stadtgeschichte im Spannungsfeld – Bernburgs Weg zur Frühneuzeitlichen Residenzstadt der Fürsten von Anhalt. S. 69ff.!

Rekonstruktion der Siedlung Waldau nach Peper 1938 - Geschichte der Stadt Bernburg S. 40, Farbunterlegung und Legende O. Böhlk

Doch warum liegt die Waldauer Stephanskirche heute fernab vom Zentrum des Ortsteils, welches sich zwischen Martins- (heute Schäfer-) und Stephansberg befindet?

Die St. Stephanskirche in Waldau, Ausschnitt aus einer Bernburger Stadtabbildung aus dem 18. Jarhundert

Diese Frage lässt sich durch die Siedlungsgeschichte  beantworten. Um 1544 erscheint Waldau wie zahlreiche Dörfer in der Umgebung Bernburgs als Wüstung, in der nur noch wenige Tagelöhnerhäuser standen15)Falke, Neubert 2008 – Waldau S. 177.. Dann erfolgte im 16. Jahrhundert eine Wiederaufsiedlung des Ortes als „Vorstadt Waldau vor Bernburg“16)Kreißler, Frank (2006): Die Dominanz des Nahmarktes. Agrarwirtschaft, Handwerk und Gewerbe in den anhaltischen Städten im 15. und 16. Jahrhundert. Halle (Saale): mdv Mitteldt. Verl. S. 55.

Auch am jenseitigen, östlichen Ufer entstand zu diesem Zeitpunkt im Bereich der Altstädter Ratsfreiheit am späteren Saalplatz eine „Vorstadt“, aus der sich später die heutige Bergstadt entwickelte17)]Zur Siedlungsgeschichte am Bernburger Burgberg: Böhlk 2011 – Auf den Spuren der Gotik. S. 55..

Elisabeth von Weida Auschnitt von ihrer Grabplatte. Quelle: Wikipedia (Autor: mhf77, Zur Vergangenheit von Gernrode - Hans Hartung ca.1912)

Trotz ihrer Randlage begann  in der Waldauer Stephanskirche die Geschichte der Reformation in Bernburg, als unter dem Patronat der Äbtissin Elisabeth von Weida18)Wikipedia-Artikel zu Elisabeth von Weida schon im Jahr 1525 ein evangelisch gesinnter Pfarrer namens Johann Goth hier seine Reformtätigkeit aufnahm19)Steinbrink, Matthias; Ewert, Ulf Christian; Deutschländer, Gerrit; Brademann, Jan; Hecht, Michael (2011): Stadtgeschichte im Spannungsfeld – Bernburgs Weg zur frühneuzeitlichen Residenzstadt der Fürsten von Anhalt. Tagungsband zum wissenschaftlichen Kolloquium des Vereins der Freunde und Förderer der Kulturstiftung Bernburg am 23.10.2010 in Bernburg, S. 64 .

So wurde die älteste Bernburger Kirche zum Ausgangspunkt der geistlichen Erneuerung, nur drei Jahre nachdem im September 1522 eine erste Auflage des Neuen Testamentes von Martin Luther erschienen war. Ein Sachverhalt, an dem man sich in Bernburg besonders im „Reformationsjahr“ 2017 bewusst und mit Stolz erinnern sollte!

Fußnoten

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Fußnoten   [ + ]

1. Dehio, Georg (1976): Der Bezirk Halle (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, / Neubearb.durch d.Abt.Forschung d.Inst.für Denkmalpflege S. 37
2. Mehr Informationen zu den Bautypen romanischer Dorfkirchen auf der Webseite „Mittelalterliche Dorfkirchen im Teltow (Brandenburg)
3. Grote, Hans Wilhelm Karl Ludwig (1926): Romanische Dorfkirchen in Anhalt. In: Bernburger Kalender, Jg. 1., S. 40–43.
4. Schulze, Hans K.; Vorbrodt, Günter W.; Specht, Reinhold (1965): Das Stift Gernrode. Köln [u.a.]: Boehlau (Mitteldeutsche Forschungen, 38). S. 193
5. Mehr über das bedeutende Kloster Gernrode erfahren Sie auf der Webseite des Projektes „SchleierHaft? Mittelalterliches Leben im Frauenstift Gernrode
6. Siehe dazu Leopold, Gerhard (1983): Der Dom Ottos I. zu Magdeburg. In: Möbius, Friedrich (Hg.): Architektur des Mittelalters. Funktion und Gestalt. S. 67.
7. Aufsatz zum Thema „Das Kreuz über dem Halbkreisbogen“ auf der Seite von Sven Gerth
8. Schmitt, Reinhard (Hg.) (2009): Schloss Bernburg. Leipzig: Ed. Leipzig. S. 16
9. CDA II, Nr. 735
10. Schulze, Vorbrodt et al. 1965 – Das Stift Gernrode. Karte im Anhang
11. Pätzold, Stefan (2000): Die Anfänge des Christentums an der mittleren Elbe: von der Ankunft der ersten Glaubensboten bis zur Gründung des Erzbistums Magdeburg im Jahr 968. In: Concilium medii aevi. Zeitschrift für Geschichte, Kunst und Kultur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, H. 3, S.135-153
12. Zur Differenzierung Burgkapelle – Burgkirche: Graf, Gerhard (1999): Peterskirchen in Sachsen. Ein patrozinienkundlicher Beitrag zum Land zwischen Saale und Neiße bis an den Ausgang des Hochmittelalters. S. 50
13. CDA I, Nr. 693.
14. Zur Bernburger Kirchengeschichte und der Rolle der St. Aegidienkirche als asketische Eigenkirche: Böhlk, Olaf (2011): Auf den Spuren der Gotik. Die Stadt Bernburg im Mittelalter; Begleitband zum Kolloquium Stadtgeschichte im Spannungsfeld – Bernburgs Weg zur Frühneuzeitlichen Residenzstadt der Fürsten von Anhalt. S. 69ff.
15. Falke, Neubert 2008 – Waldau S. 177.
16. Kreißler, Frank (2006): Die Dominanz des Nahmarktes. Agrarwirtschaft, Handwerk und Gewerbe in den anhaltischen Städten im 15. und 16. Jahrhundert. Halle (Saale): mdv Mitteldt. Verl. S. 55
17. ]Zur Siedlungsgeschichte am Bernburger Burgberg: Böhlk 2011 – Auf den Spuren der Gotik. S. 55.
18. Wikipedia-Artikel zu Elisabeth von Weida
19. Steinbrink, Matthias; Ewert, Ulf Christian; Deutschländer, Gerrit; Brademann, Jan; Hecht, Michael (2011): Stadtgeschichte im Spannungsfeld – Bernburgs Weg zur frühneuzeitlichen Residenzstadt der Fürsten von Anhalt. Tagungsband zum wissenschaftlichen Kolloquium des Vereins der Freunde und Förderer der Kulturstiftung Bernburg am 23.10.2010 in Bernburg, S. 64