Die Askanier um 1500 – dynastisches Selbstbewusstsein im Wandel

Der Bau der Bernburger „Leuchte“ verkörpert askanisches Selbstbewusstsein an der Schwelle vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit. In der jüngeren Forschung wurde die durch das für die Zeitgenossen unerwartete Aussterben der askanischen Kurfürstenhäuser Brandenburg und Sachsen verursachte Krise im 14. und 15. Jahrhundert zum Anlass genommen, den Anhaltinern um 1500 das Attribut „klein“ zu verleihen. Verglichen mit den Machtmitteln der aufstrebenden Nachfolger in den beiden einst askanischen Kurfürstentümern, den Wettinern und Hohenzollern, waren die verbliebenen Möglichkeiten sicher äußerst beschränkt. Der Weiterbestand askanischer Linien in Sachsen-Lauenburg und Anhalt und der Erhalt ihrer Territorien waren gefährdet. Die Askanier verfügten um 1500 kaum über militärische oder wirtschaftliche Macht. In dieser Hinsicht waren sie „klein“. Ihr dynastische Würde aber kompensierte solcherlei Defizite zum Teil auf kultureller Ebene. Ein Blick auf die Wappen der Kurfürstentümer Brandenburg und Sachsen genügte, um deren Inhabern die askanischen Wurzeln ihrer Titel vor Augen zu führen.

Um 1500 war die Tatsache, dass die Fürsten von Anhalt „in oerem wapen der tweyer forsten wapen als sassen und brandenborch“ 1)Funke 2001, S. 92.   führten, den interessierten Zeitgenossen bewusst. Die Bedeutung der Askanier im Mittelalter war in Bezug auf die Anhaltiner also durchaus noch präsent.

Askanier-Grablege über den Resten der Kirche des Wittenberger Franziskanerklosters am Arsenalplatz (Foto: 2015).
Welfen und Askanier: Die Säulen Sachsens

Als die Askanier um das Jahr 1300 im Zenit ihrer politischen Macht standen, herrschten Familienzweige nicht nur über die beiden Landesteile des Herzogtums Sachsen, um Wittenberg und Lauenburg an der Unterelbe, sondern auch über die Markgrafschaft Brandenburg, die Grafschaft Weimar-Orlamünde und das Fürstentum Anhalt. Die Familieneinheit verkörperte der gespaltene Wappenschild des anhaltischen Fürstenhauses, welcher neben der Markgrafenwürde in Brandenburg auch die Herzogswürde in Sachsen und somit die askanischen Wurzeln der beiden Kurfürstentümer repräsentierte. Diese Rolle Anhalts als zentralem „Gefäß“ askanischer Traditionen kam aber nicht nur im anhaltischen Wappen zum Ausdruck. Selbst im wettinischen Wittenberg repräsentierte das Wort „Anhalt“ offenbar den gesamten askanischen „Stamm“, wie ein einst in der wittenberger Franziskanerkirche unter einem Epitaphgemälde von Lukas Cranach angebrachtes Gedicht2)Sommer 1840, S. 94. für den askanischen Kurfürsten Rudolf III. zeigt:

„Herzog Ludolphus“
„Der siebende Fürst an diesem Stam
Von Anhalt (Rudolph ist mein nam)
Bin ich erwelet und genannt
Ein Churfürst in gantz Sachssenland.
Das Schwert furt‘ ich in grosser Zier
Dem Kaiser bey meim Leben für.
Von Magdeburg Bischoff Albrecht
Mir Beltzig Rabenstein belegt,
Den jagt ich davuon mit unfug.
Ein Thurm zu Schweinitz mir erschlug
Mein beide Sön zu einer fart.
Vor Fridslar ich gefangen ward,
Da ich in gleit von Franckfurt ritt.
An mir hielt Meintz sein glauben nit.“

Der sächsische Kultur- und Geschichtsraum an Harz, Elbe und Saale wurde im Hochmittelalter von den eng verwandten Dynastien der Welfen und Askanier dominiert. Beide leiteten ihre Ansprüche auf die Herrschaft in Sachsen von dem Erbe der Billunger ab, die unter Kaiser Otto I. als erste Inhaber der sächsischen Herzogswürde hervortraten. Die gemeinsame billungische Abstammung der Welfen und Askanier war den hochmittelalterlichen Zeitgenossen gut vertraut. Im 13. Jahrhundert wurden entsprechende Stammbäume nicht nur ausgehend vom Braunschweiger Blasiusstift, sondern auch schon zuvor in der Chronik Alberts von Stade publiziert.

Stammtafel der Welfen und Askanier aus Annales Stadenses auctore Alberto, ed. J. M. Lappenberg, MGH SS 16 (1859) ad. a. 961, S. 329, Z. 19-42 (Quelle: http://www.mgh.de/dmgh/resolving/MGH_SS_16_S._329)

Während das 12. Jahrhundert von der kriegerischen Rivalität zwischen dem welfischen und askanischen Familienverband geprägt war, kam es in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts zur Aussöhnung und gegenseitigen Heiratsverbindungen zwischen Welfen und Askaniern.

Zu Beginn des 13. Jahrhunderts überlagerten sich an Harz, Elbe und Saale von den französischen und englischen Innovationszentren höfischer Kultur ausgehende Einflüsse. Die literarische Beschäftigung mit dem Mythos des Trojanischen Krieges strahlte stark in diese Region aus. Ein Zentrum bildete dabei der Hof des thüringischen Landgrafen Hermann I. Beide Söhne des 1212 in Bernburg verstorbenen askanischen Herzogs Bernhard von Sachsen, Herzog Albrecht I. von Sachsen und Fürst Heinrich I. von Anhalt, heirateten Töchter Hermanns. Heinrich, der erste anhaltische Fürst und selbst Minnesänger, benutzt in einer 1213 ausgestellten Urkunde erstmals die Form „comes Ascharie“.3)Assing 2003, S. 31.

Es ist davon auszugehen, dass auch die Askanier ihre Herkunftssage aus dem Trojastoff schöpften: „Auch die Askanier definierten, wie fast alle anderen Dynastien des Mittelalters, die Abstammung ihres Hauses von Ascanius her, Sohn des Aeneas, des sagenhaften Gründers von Rom. Über die latinisierte Schreibform Aschariae – für Aschersleben, den anhaltinischen Stammsitz der Familie – ließ sich der Bogen zu Ascania schlagen, wie es wahrscheinlich erstmals eine Urkunde von 1323 praktizierte.“4)Briese 2005, S. 15.

Codex Manesse, Cod. Pal. germ. 848, fol. 17r, "Herzog von Anhalt" (Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg, http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848/0029, CC-BY-SA 3.0 http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/)

Welfen und Askanier konkurrieren über Jahrhunderte um die Vorherrschaft auf dem Gebiet der Kernlandschaft des ehemaligen ottonischen „regnum saxonum“, der alten „Basislandschaft“ des Reiches an Harz, Elbe und Saale. Hier lagen so bedeutende sächsische Erinnerungsstätten wie beispielsweise Braunschweig, Goslar, Quedlinburg, Halberstadt oder Magdeburg. Dieses Gebiet wurde im 13. Jahrhundert von Thüringen und der slawischen Landschaft als eigenständige Provinz geschieden (Bezeichnungen „Saxonie, Thuringie et Slawie“5)Ohnsorge 1959, S. 163. ).

Einen Meilenstein im welfisch-askanischen Zusammenwirken bildete das von Welfen und Askaniern gemeinsam ausgeübte Amt des „Vikariats“ über alle drei eben genannten Provinzen. Der habsburgische König Rudolf hatte dafür im Jahr 1277 die beiden Rivalen Albrecht II. von Sachsen (Wittenberg) und Albrecht I. von Braunschweig „zusammengespannt“, vielleicht auch, um durch die Teilung des Amtes beide Dynastien in Schach halten zu können. Durch ihr Engagement im Bereich der Königswahlen – die Askanier wirkten aktiv am Aufstieg der Staufer und Habsburger mit – setzten sie sich letztlich gegenüber den Welfen durch, indem es ihnen gelang, sich im Prozess des sich herausbildenden Kurfürstenkollegs zwei Kurstimmen zu sichern.

Noch um 1500 galten Welfen und Askanier als Träger des sächsischen Selbstverständnisses. Man darf davon ausgehen, dass diese Tatsache den Fürsten von Anhalt bewusst war.

Anhalt: Ein „Gefäß“ für die askanischen Traditionen

Aufgrund tragischer Un- und schicksalhafter Zufälle verloren die askanischen Familienzweige im 14. und 15. Jahrhundert ihre dominierende Stellung. Das sächsische Herzogtum gelangte unter wettinische Herrschaft und der Begriff „Sachsen“ verwandelte sich vom identitätsstiftenden Integrationssymbol in ein politisches Argument zur Durchsetzung wettinischer Machtinteressen. Mit der Karriere des Fürsten Rudolf von Anhalt (um 1466-1510), später „der Tapfere“ genannt, am Hof des römisch-deutschen Königs Maximilian I. konnten die Askanier ihre königsnahe Position im Reich wieder festigen. Die Bedeutung des Mittelalters für das fürstliche Selbstbewusstsein wurde ihnen dabei am Königshof vor Augen geführt. In Bernburg prägte sich dieses Wertesystem architektonisch aus: Die Bernburger „Leuchte“ – ein landesgeschichtlicher Erinnerungsort ersten Ranges – markiert den erneuten Aufstieg der Askanier, die nach einer krisenhaften Phase im 14. und 15. Jahrhundert bald wieder die europäische Geschichte beeinflussen sollten.

Fußnoten   [ + ]

1. Funke 2001, S. 92.
2. Sommer 1840, S. 94.
3. Assing 2003, S. 31.
4. Briese 2005, S. 15.
5. Ohnsorge 1959, S. 163.